Die Schützenhalle - Drei Baugenerationen

von Rüdiger G. Wisse

 

Ein Platz zum Feiern des Schützenfestes wurde immer benötigt. Schon früh lesen wir von den jährlichen Traktementen (Bewirtungen, Festes­sen), die im Anschlußan das Patronatsfest im November gefeiert wurden. Diese Hubertusfeiern sind eigentlich die Vorläufer der heutigen Schüt­zenfeste. Meist war der Gastgeber ein Bauer, der viele Pflichten zur Vorbereitung und Durch­führung des Hubertusfestes auf sich nehmen musste. Als Ausgleich erhielt er für ein Jahr die Nutzung an den Parzellen Ackerland, welche die Bruderschaft damals besaß. So wurden die Traktemente wohl bis zur zwangsweisen Auflö­sung der Bruderschaft 1826 durch den preußi­schen Landrat meist auf privatem Grund und Boden gefeiert. Seit wann genau es die Traktemente in Müschede gibt ist nicht überlie­fert. Da die Schützenbruderschaft eine "zu reli­giösen Zwecken errichtete Gesellschaft" (Sat­zung 1850) war und die Existenz einer Hubertus-kapelle bereits für das Jahr 1484 eindeutig nach­zuweisen ist darf man annehmen, dass die Traktemente bis in diese Zeit zurück reichen. 

 

Nach der Neugründung änderte sich der Cha­rakter des Schützenfestes grundlegend. Unter Punkt 3 der am 9. Juni 1850 befaßten Beschlüs­se (Satzung) lesen wir: "Das zur Weckung und Erhaltung der brüderlichen Liebe früher stattgefundene Traktement oder Festessen kann den Zeitumständen nicht mehr anpassend erachtei werden und soll an dessen Stelle ein gemein­schaftliches, öffentliches, anständiges Vergnü­gen bestehend in einem gemeinschaftlichen mäßigen Biertrinken und musikalischer Unterhal­tung treten." Damit verlagerte sich das Fest im Laufe der Zeit auf das uns heute als Schützen­halle bekannte Gelände.

 

Erste schriftliche Hinweise über den Standort und die Art des Festplatzes zum Feiern des Schüt­zenfestes finden wir im Protokoll der Vorstands­sitzung vom 24.03.1895. Da das Musikzelt de­fekt war, wurde der Beschlußgefasst, einen Kostenvoranschlag für einen eventuellen Neu­bau anfertigen zu lassen. Ergänzendes hierzu steht im Protokoll vom 21 .April 1895: "Nachdem der Kostenvoranschlag geprüft, sowie die (Zeich­nung) in Augenschein genommen war, beschloß die Versammlung, die Errichtung eines neues Musikzeltes dem Bauunternehmer Franz Kiwitt zu übertragen, jedoch mit der Maßgabe, wenn der gen. Kiwitt für mindestens 400 Mark die Er­richtung eines neuen Musikzeltes einschließlich der von Bruchsteinen bestehenden Mauer, wel­che abgebrochen werden soll und neu aufzufüh­ren ist, sowie die Bedachung, welche It. Kosten­voranschlag aus Wellblech bestehen soll, sol­che aus einem Schieferdach herzustellen, über­haupt nach Zeichnung komplett übernimmt." Über den Bau einer neuen Trinkhalle erfahren wir aus dem Protokoll vom 3. Juli 1895. Wesent­liche Verbesserungen waren die Wasserzu­leitungen nach 1901 und die elektrische Beleuch­tung ab 1911.

 

Das Wort "Halle" taucht zum ersten Mal im Pro­tokoll der Vorstandssitzung vom 18. August 1907 auf. Unter Punkt II ist zu lesen: "Ob eine Halle im Schützenhof gebaut werden soll, wurde eben­falls mit großer Stimmenmehrheit beantragt." Den nächsten Hinweis zum Hallenbau entnehmen wir dem Protokoll der außerordentlichen Generalver­sammlung vom 12. April 1909. Unter Punkt 6 wird der Neubau einer Festhalle beschlossen unter der Bedingung, "erst obengenannte Rechte (Korporationsrechte, Anm. d.Red.) erlangt zu haben, damit der Festplatz mit den schon vor­handenen Gebäulichkeiten auf die Bruderschaft im Grundbuch kann eingetragen werden". Nach einem vom Hüstener Bauunternehmer Franz Kiwitt vorgelegtem Kostenvoranschlag sollte die Bausumme 10.800 Mark betragen.

 

Richtig los ging es dann wohl aber erst nach dem Beschlußeiner außerordentlichen Generalver­sammlung am 16.12.1913 im Saale des Herrn Rettier. Circa 70 anwesende Mitglieder beschlos­sen nach eingehender Erörterung, eine Halle zu bauen. Zur Ausarbeitung von Prospekten und Kostenanschlägen wurde eine eigene Kommis­sion von 6 Mitgliedern gewählt. Noch erhaltene Baupläne aus dem Jahr 1913 zeigen die Über­dachungen der Tanz- und Aufenthaltsflächen an der Südwestseite sowie die Musikbühne. Damit wurde aus dem bisherigen, mit einer Mauer um­gebenen, nicht überdachten Schützenhof zum ersten Mal so etwas wie eine Halle.

Der Zugang zum Festgelände war von der Hubertusstraße. Durch ein großes Holztor schritt man an der linker Hand liegenden Kassenbude in den Hof. Dieser war nichts an­deres als eine Wiese, die teilweise mit ein we­nig Split ausgebessert werden musste. Denn bei starkem Regen verwandelte sie sich schnell in eine Schlammfläche. Gegenüber der Kassen­bude wurde noch eine Empore für den Königs­tisch gebaut.

 

 


 

Ab 1927 erfuhr die "Halle" einige bedeutend Ver­besserungen. Es wurden richtige Toilettenan­lagen gebaut und die Nordwestseite erhielt eine Überdachung. Diese sollte nicht nur die Gäste vor Regen schützen sondern auch die Theker mit zwei Zapfanlagen beherbergen. Um diese Baumaßnahmen durchführen zu können warder Zukauf eines ca. 6 m breiten Streifens notwen­dig. Die Kassenbude wurde rechter Hand des Eingangs neu gebaut, also dort wo der Königs­tisch war. Die alte Kassenbude wurde nun Kü­che und Süßigkeitenstand. Zur Verschönerung der Wände malten einige "Künstler" lustige Sze­nen an die Nordwest- und Südwestmauer. Eine Mauer zeigt das Tragen der Fahnenstange mit aufgesessenen Schützenbrüdern, die andere lustige Trink- und Tanzszenen (siehe Jubiläums­zeitschrift 1950, Seite 22).

Dieses Festgelände blieb dann mit kleinen Ver­besserungen so bestehen bis zum Ende des II. Weltkrieges. Während der Kriegsjahre wurde der Schützenhof auch als Kindergarten benutzt, wofür die Bruderschaft von der Gemeinde 10 Mark monatlich als Pachtgeld erhielt. Die Waf­fen-SS benutzt die Überdachungen, um Ge­schütze unterzustellen. Auch die Bauern nutz­ten die Halle, um landwirtschaftliches Gerät un­terzubringen, damit sie bei Hofbränden nicht ver­loren gingen.

Hatte die Halle den Krieg trotz mancher Schä­den überlebt, so sorgte der Brand vom 16. April 1946 für stärkste Zerstörung. Als wäre das noch nicht genug, ereilte die Bruderschaft am 18. No­vember 1946 ein weiteres Unglück. Ein Lastwa­gen der Firma Albert Edelbroich aus Arnsberg fuhr infolge Bremsversagens vom Hubertusplatz kommend in den Schützenhof. Dabei durchbrach der LKW die Mauer und riss die Küche vollstän­dig weg.

 

Eine totale Renovierung der Halle wurde dadurch notwendig. Auch wollte die Bruderschaft ihr 500-jähriges Bestehen 1950 in würdigem Rahmen feiern. In den Unterlagen der Bruderschaft ist der zweisprachige (deutsch/englisch) "Bauschein zur Erstellung einer neuen Schützenhall»und zur Beseitigung von Kriegsschäden" erhalten geblie­ben. 1949 wurde die neue Halle errichtet. Die Finanzierung war nur möglich durch Pflichtarbeit und viele Eigenleistungen der Schützenbrüder sowie durch einen einmaligen Sonderbeitrag al­ler Mitglieder von 10 DM.

 

Die Grundsteinlegung und das Richtfest feierte man gleichzeitig am 26. Mai 1949 (Christi Him­melfahrt) in Verbindung mit einer Generalver­sammlung. Eine von Alfons Reuther angefertigte Urkunde wurde im Laufe des Jahres eingemau­ert (Der Text der Urkunde ist in der Festschrift 1975 abgedruckt). Der Architekt war Josef Kleine aus Neheim-Hüsten 2, die Bauausführung oblag der Firma Gebr. Michel, Müschede.

 

Schon bald stellte man fest, dass die neue Halle den Erfordernissen der Zeit nicht entsprach. Bereits im Juli 1952 besprach man die Bau- und Finanzierungs-möglichkeiten zur Überdachung der Tanzfläche sowie den Umbau in eine winter­feste Halle. Da die Bruderschaft 1954 mit dem TUS Müschede auch einen Vertrag zur Nutzung der Schützenhalle als Sporthalle abschloss, wur­de der winterfeste Umbau immer notwendiger. Ein Teil der Finanzierung, 12.000 DM, sollte da­her über den Sportverband aus Totomitteln er­folgen. Desweiteren gab es über den Sportver­ein öffentliche Zuschüsse von 20.000 DM. Durch den Verkauf von Bauscheinen und eine Samm­lung sollte weiteres Geld in die Baukasse flie­ßen. Die Wohnung des Hofwartes finanzierte das Amt Husten aus Mitteln des sozialen Woh­nungsbaus mit, das restliche Geld brachte die Gemeinde   gegen   Überschreibung   der Wohnungsmiete auf.

 

 

Bereits 1956 erwarb die Bruderschaft anliegen­de Grundstücke von Stakemeier und Wulf, die späteren Baumaßnahmen zugute kamen. Das bei Kriegsende noch kleine, überschaubare Dorf Müschede wuchs in den 50er und 60er Jah­ren auf eine Einwohnerzahl von bald 2.500. Da­mit wurde auch die Schützenhalle zu klein und entsprach technisch und räumlich nicht mehr den Anforderungen. Die Bruderschaft konnte durch ihren Oberst, der Mitglied im Gemeinderat war, die Gemeindevertretung und den damaligen Bürgermeister Alfons Vogt von der Notwendig­keit umfassender Baumaßnahmen überzeugen und zur Bereitstellung der notwendigen Finan­zen zu bewegen. Mit den Baumaßnahmen wur­de Architekt Stratenschulte beauftragt. Mit der Baubeschlussfassung der Generalver­sammlung am 22. März 1969 begann die dritte Generation der Schützenhalle. Geltende Bau­vorschriften erforderten den Zukauf von weite­ren 600 m2 zum vorhandenen Gelände. Nach mehrjährigen Bauarbeiten, die großenteils durch freiwillige Leistungen des Schützenvorstandes und weiterer Schützenbrüder durchgeführt wur­de, erfolgte am 5. Oktober 1974 die Einweihung. Heute gehören zum gesamten Gebäudekomplex: kleine (29x14 m) und große (22x26 m) Schützen­halle, die durch ein Rolltor in eine durchgehende Halle umgewandelt werden können; eine Gast­wirtschaft mit Speisesaal, Hubertusstübchen, Kegelbahn und Wohnung; Schießstand der Schießsportgruppe mit Aufenthaltsraum; städti­sches Jugendheim mit 3 Räumen, Toiletten und Garderobe; eine große Hausmeisterwohnung sowie diverse Kellerräume. Die bebaute Grund­fläche beträgt knapp 2.000 m2, wovon die beiden Hallen schon rund 1.000 m2 in Anspruch nehmen. Die Eingangsseite weist ein Länge von 37 m auf, die Straßenfront (Hubertusstraße) 52 m.

 

Berechnungen haben ergeben, dass ein Neu­bau der Schützenhalle einschließlich Anschaf­fung sämtlichen Interieurs, so wie sie sich uns heute im Jahr 2000 darstellt, je nach Wertansetzung für den umbauten Raum die Summe von 5,5 bis 6 Millionen DM kosten würde. Hinzu käme noch der Preis für das Grundstück.

 

 


 

In den letzten Jahren hat die Bruderschaft viele Renovierungsarbeiten, Verschönerungen und Neuinvestitionen vorgenommen: Außen- und Innenanstrich der Halle, kompletter Neubau ein­schließlich behindertengerechter Toiletten, Glas­front in der großen Halle, Ausbau zweier Kühl­keller mit Isolierung und Kühlakkus, Neugestal­tung des Speiseraumes, neue Sprech- und Laut­sprecheranlage, eine moderne, energiesparende Lichtanlage, Installation moderner, halbautoma­tischer Eingangstüren und Pultdach über der Ein­gangsfront. Die letzte große Investition ist die Neueinrichtung der Küche der Gaststätte "Hubertuskrug". Schützenbruder Lorenz Weber sen. verschöner­te 1999 den Durchgang von der kleinen zur gro­ßen Halle mit einer Umrandung aus massivem Eichenholz. Rechtzeitig zum Jubelfest 2000 ver­ewigte ebenfalls Lorenz Weber die Namen dei rund 200 Müscheder Königspaare und Haupt­leute seit 1851 auf schweren Eichenbalken, die neben dem Wicheier Portal an der Hallen­südseite die Wand zieren.

 

Besondere Erwähnung verdient eine Maßnah­me zu Beginn der 90er Jahre. Das um 1696 ge­schaffene Barockportal des uralten Rittergutes Wichein konnte gerettet werden und nach lan­gen Streitigkeiten mit den Behörden für Denk­malschutz fand es einen gebührenden Platz an der Südseite der Halle.

 

Die Schützenhalle ist heute Mittelpunkt des dörf­lichen Gemeinschaftslebens. Die Müscheder Vereine nutzen sie für ihre eigenen Veranstal­tungen, viele Bürger feiern dort ihren Polter­abend, runde Geburtstage oder andere Feste. Jährlicher Höhepunkt bleibt aber das dreitägi­ge Schützenfest der Bruderschaft.